Zur Werkreihe Clocks and Clouds Malerei als Fügung  Bis heute ist nicht endgültig geklärt, wer nun das erste gegenstandslose Bild geschaffen hat.  War es wirklich Wassily Kandinsky mit seinem berühmten Aquarell „ohne Titel“, das er angeblich  1910 geschaffen hat, oder etwa doch Kasimir Malevich mit seinen ersten suprematistischen  Bildern von 1912? Eine Lösung dieses Streits ist auch in Zukunft nicht zu erwarten und im  Grunde ist es auch gleichgültig, wer genau der erste „Gegenstandslose“ war. Interessant jedoch  ist die Tatsache, dass der Kampf um diese künstlerische Pionierposition unter den Künstlern und  später den Kunstwissenschaftlern so verbissen geführt wurde. Daran lässt sich erkennen, wie  außerordentlich bedeutend der Schritt in die Gegenstandslosigkeit für die Kunst- und  Kulturgeschichte war und ist. Mit der Gegenstandslosigkeit wurde ein völlig neuartiges  künstlerisches Territorium erschlossen, in dem die Kreativität sich in bis dahin unbekannter  Freiheit entwickeln und entfalten konnte. Aus Farben, Linien und Formen konnten unabhängig  vom Diktat des Dings völlig eigenständige, wie manche Künstler sogar meinten,  absolut   ästhetische   Welten   geschaffen   werden. Im Laufe des 20. Jahrhundert haben sich  Gegenständlichkeit und Gegenstandslosigkeit in verschiedener Hinsicht einander angenähert,  dennoch sind es zwei Bereiche geblieben, in denen jeweils unterschiedliche gestalterische  Regeln und künstlerische Zielsetzungen im Vordergrund stehen. Auf der gegenständlichen Seite  der Fokus auf das Identifizierbare oder Assoziierbare, das Deskriptive, Epische oder explizit  Poetische und auf der ungegenständlichen Seite die formale Freiheit, das Primat der Farbe und  der absoluten Komposition, die totale Unabhängigkeit von inhaltlichen Referenzpunkten. Vor  diesem Hintergrund entwickelte jede dieser künstlerischen Richtungen Gestaltungs- und  Ausdrucksmöglichkeiten, die den Charakter ihrer jeweiligen sinnlichen Konstrukte und deren  Wirkung auf den Betrachter und dessen Resonanz entscheidend prägen.  Wo nun lässt sich die Arbeit von Clemens Schneider einordnen? Ist sie gegenständlich oder  ungegenständlich, Sind seine großformatigen Gemälde freie Farbkompositionen oder  Darstellungen fiktiver kosmischer Räume und Landschaften? Die Antwort ist: Sie sind keines  von beiden. Clemens Schneiders Werk bewegt sich in dem übergangslosen Bereich zwischen   Gegenstand und Gegenstandslosigkeit. Obwohl Clemens Schneider bei seiner Malerei sich nicht  von konkreten Motiven oder Bildern anleiten lässt, meint man doch Anklänge von  Gegenständen, Räumen und Landschaften in seinen Gemälden zu erahnen. Diese  Gegenstandsphantome sind allerdings nicht eigentlich intendiert, sie entstehen eher von selbst  in seinen Bildern. Es ist eine Art Schwebezustand zwischen Ding und Freiheit, die der Künstler in  seiner Kunst sucht, ein Zustand, den er nur erreicht, indem er beim Malvorgang ein  Gleichgewicht aus Zufall und gestalterischer Führung findet. Hierfür bedient er sich einer  besonderen künstlerischen Methode: Das Bild entsteht nicht nach dem festgelegten  Gestaltungswillen des Künstlers, es fügt sich unter seinen Händen. Clemens Schneider beginnt  seine Gemälde oft im Zentrum einer Leinwand mit freien, gestischen Farbspuren, die er zu den  Rändern des Bildes hin sich weiter ausbreiten lässt. Eine Farbschicht folgt auf die nächste,  wobei die folgende Farbe sich aus der Tönung der vorhergehenden ergibt. Das Bild baut sich so  quasi von selbst auf, der Künstler ist nur Vollstrecker des Willens der Farbe. Mit Hilfe weicher,  dichter Pinsel führt er die verschiedenen Farbtönungen dann auf der Leinwand ineinander,  schafft sanfte Sfumati; aus Flecken werden Nebel, aus Flächen werden Räume. Durch  verschiedene Helligkeiten und Formelemente entstehen nach und nach Rhythmen, Emphasen,  Richtungen. Wo sich solche Strukturen ergeben, greift nun Schneider formend und gestaltend  ein. Er moderiert zwischen den frei fließenden Formen, konkretisiert, unterstreicht, nimmt  zurück und führt die Farben und Bildelemente auf diese Weise ganz behutsam einer  Komposition zu. Er schiebt sie „hin und her“, wie er sagt, „bis sie in ein Gleichgewicht kommen  und eine Stimmung entsteht.“  Hierbei entstehen Räume, Wände, Flächen, nebulöse Verdichtungen, die in der Tat wie  gegenständliche Andeutungen wirken, wie kosmische Welten oder Wolkenformationen, in denen  man manchmal sogar Gesichter und Körper zu erkennen glaubt. Doch es lässt sich nicht  entscheiden, ob sie wirklich im Bild angelegt sind oder ob sie vom Betrachter auf seiner Suche  nach Bekanntem und Vertrautem hineingelegt werden. Clemens Schneider würde sich nie auf  eine bestimmte gegenständliche Deutung festlegen lassen; alles was man in seinen Bildern  sieht, sind Erscheinungen, die so oder auch ganz anders hätten sein können. Alles ist im Fluss.   So erklärt es sich auch, dass Clemens Schneiders Bilder im Grunde nie fertig sind. Das Bild stellt  immer neue Forderungen, es ist unersättlich, der Künstler könnte ewig an einem Gemälde  weiterschaffen. Dieses Bild würde dann freilich unendlich groß werden. Die Grenzen der  Leinwand sind bei Schneiders Werken purer Zufall, Tribut an die Endlichkeit und das technisch  Machbare. Da es die grenzenlose Leinwand nicht gibt, muss der Künstler immer neue Bilder  beginnen; im Grunde jedoch malt er an einem einzigen großen Gemälde, wenn auch in vielen  einzelnen Schritten. Clemens Schneider strebt in seinen Bildern eine Situation an, die vergleichbar ist mit denen, die  sich bei den Klängen bestimmter zeitgenössischer Komponisten einstellen. Hier, in der  zeitgenössischen Musik, d.h. außerhalb des visuellen Systems, findet er die wichtigsten  Anleitungen für seine malerischen Prozesse. Musik begleitet Clemens Schneider bei jedem  seiner Bilder, Kompositionen von Morton Feldmann, John Cage oder Györgi Ligeti, dessen Stück  „Clocks and Clouds“ auch der Werkreihe, die in diesem Katalog versammelt ist, ihren Namen  gegeben hat. So bewegt sich Clemens Schneider mit seiner Kunst im Zwischenreich zwischen  Gegenständlichkeit und Ungegenständlichkeit, jenseits der Schlachtfelder kunst-geschichtlicher  Ideologen, weder an die Strenge einer Komposition noch an die Vorgaben eines konkreten  Inhalts gebunden, allein begleitet von der Musik.   Clemens Schneider: Kein autoritärer Gestalter, sondern ein sensibler Moderator der Farben.   Malerei als Fügung. Dr. Tobias Wall Aus dem Ausstellungskatalog “Clocks and Clouds” herausgegeben anlässlich der gleichnamigen Ausstellung von der Galerie Tobias Schrade Ulm 2008